Interview mit Josef Estermann zu Bodenverbrauch in der Schweiz

"Es braucht neue Ansätze für den Schutz unserer Böden"

Josef Estermann äussert sich zu den Ergebnissen und Empfehlungen des Nationalen Forschungsprogramms 68 „Ressource Boden“, dessen Gesamtsynthese am 17. Dezember 2018 vorgestellt wurde. Seiner Ansicht nach besteht weiterhin grosser Handlungsbedarf. Insbesondere brauche es wirksame und praktikable Instrumente, um die Qualität von Böden bei Raumplanungsentscheiden besser zu berücksichtigen.


Josef Estermann, warum engagieren Sie sich für einen besseren Schutz des Bodens?
Boden ist unsere Lebensgrundlage. Ist er in einem guten Zustand, liefert er Nahrung, reinigt und speichert Wasser, reguliert das Klima; er bindet Schadstoffe, speichert CO2, Bodenbakterien sind die natürliche Basis für Medikamente. Das sind nur Beispiele. Weil Boden lebensnotwendig und zugleich unersetzlich ist, brauchen wir eine ausreichende Menge intakter Böden. Trotzdem dehnt sich die Siedlungsfläche Jahr für Jahr aus. Der Versiegelungsgrad steigt auch im besiedelten Gebiet. Wir verlieren Kultur- und Naturflächen. Die Menge der unversiegelten, ausgleichsfähigen Böden nimmt stetig ab. Ich engagiere mich, damit wir mindestens jene Böden erhalten, die uns jetzt und in Zukunft eine gute Lebensqualität sichern.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Erkenntnisse des NFP 68? Was gibt es noch zu tun?
Die Ergebnisse des NFP 68 zeigen klar, dass Handlungsbedarf besteht. Das Wachstum der Siedlungsflächen geht weiter. Der Verlust von Flächen mit hoher Bodenqualität kann mit den bisherigen Massnahmen nicht gestoppt werden. Die Qualität der Böden wird in der Raumplanung nur ungenügend und ausserhalb von Fruchtfolgeflächen oft nicht berücksichtigt. Deshalb müssen neue Ansätze und praxistaugliche Instrumente ausprobiert werden. Die Analysen im Rahmen des NFP 68 haben ergeben, dass die sogenannten Bodenindexpunkte ein vielversprechender und der effektivste Ansatz zu einem qualitativen Bodenschutz sind. In Deutschland und Österreich werden Bodenindexpunkte bereits erfolgreich angewandt, um die besten Böden zu erhalten und die Siedlungsentwicklung nach innen zu lenken.

Die bestehenden Instrumente der Gemeinden und Kantonen reichen also nicht aus, um natürliche Böden zu erhalten und deren Qualität in der Raum-, Orts- und Nutzungsplanung zu berücksichtigen?
Das Raumplanungsgesetz beschränkt sich auf den "quantitativen Bodenschutz". Nach seiner letzten Revision dürfen die Gemeinden in Zukunft nicht mehr so schnell und umfassend einzonen. Doch in vielen ländlichen Gemeinden sind die Bauzonen schon heute viel zu gross. Für den Schutz guter Böden fehlen im Rauplanungsgesetz wichtige Voraussetzungen: Einerseits kennt man die Qualität der Böden nicht. Sie wurde nur in einem kleineren Teil der Schweiz erhoben. Was man nicht kennt, kann man nicht schützen. Andererseits fehlen ausserhalb der Fruchtfolgeflächen die Instrumente zu einem genügenden Schutz der Böden. Naturflächen sind baurechtlich nur ausnahmsweise geschützt, wenn sie ganz besondere Qualitäten aufweisen. Und Baugesetze regeln vor allem das Bauen. Sie stellen kaum Instrumente für den Schutz unbebauter Flächen bereit. Am ehesten gibt es solche Regelungen bei Sondernutzungsplänen.
Im Rahmen meines Engagements bei sanu durabilitas haben wir deshalb bereits 2016 eine Anzahl von Instrumenten daraufhin geprDie mmen, dass Bodenindexpunkte men, dass Bodenindexpunkte , wenn sie ganz besondere Qualitäten aufweisen. Und Baugesetze regelnüft, ob sie den Bodenverbrauch stoppen könnten (vgl. durabilitäs.doc Nr. 3). Wir sind schon damals zum Schluss gekommen, dass Bodenindexpunkte die bestehenden Planungsinstrumente sinnvoll ergänzen könnten. Bodenindexpunkte zeigen die Bodenqualität an. Sie erlauben, die Qualität der Böden und ihre Funktionen bei Planungsentscheiden - bei der Zonierung, bei Auszonungen, bei der Situierung von Bauten und Anlagen, der Gestaltung des Umschwungs usw. mit zu berücksichtigen. Und sie können so eingesetzt werden, dass gute Böden geschont und die Bebauung und Versiegelung auf weniger wertvolle Böden konzentriert wird.

Wie wird das Instrument der Bodenindexpunkte in einer Gemeinde konkret angewandt?
Die Gemeinde gewichtet selber oder gemeinsam mit dem Kanton, welche Bodenfunktionen an einem bestimmten Ort besonders wertvoll sind. An einem Ort ist die Trinkwasserfilterung wichtiger, am andern die landwirtschaftliche Produktion. Die resultierenden Bodenindexpunkte zeigen auf, welche für die Zukunft wichtigen Böden möglichst erhalten werden sollen. Und sie weisen jene Böden aus, die am ehesten bebaut oder für Infrastrukturen in Anspruch genommen werden können. Da in einem bestimmten Zeitraum nur eine bestimmte Menge von Bodenindexpunkten verbraucht werden dürfen und Projekte auf fruchtbaren Böden entschieden mehr Bodenindexpunkte "kosten" als solche auf bereits versiegelten oder weniger wertvollen Böden, lenken die Bodenindexpunkte die Siedlungsentwicklung nach Innen. Sie helfen auch zu entscheiden, welche Gebiete zurück gezont oder neu zu den Fruchtfolgeflächen geschlagen werden sollen.

Was ist die erhoffte Wirkung eines solchen Instrumentes?
Bodenindexpunkte sollen mithelfen, dass fruchtbare, tiefgründige, unbelastete oder naturnahe Böden nicht zerstört, sondern erhalten werden. Für die weitere Entwicklung sollen zuerst Industriebrachen, nicht mehr genutzte Flächen der SBB oder der Armee und andere bereits versiegelte oder degradierte Böden überbaut werden. Das Instrument der Bodenindexpunkte zielt also darauf ab, den Boden als natürliches Kapital zu schonen. Und sie heben ins Bewusstsein, wie viel von diesem unersätzlichen Wert bei jedem Entscheid verbraucht werden und verloren gehen. Die Bodenindexpunkte dienen also auch der Sensibilisierung von Politik und Bevölkerung.

Was trägt sanu durabilitas zur Förderung eines nachhaltigeren Umgangs mit Boden bei?
sanu durabilitas will in den nächsten zwei Jahren Pilotprojekte mit Bodenindexpunkten unterstützen. Sie will interessierten Gemeinden helfen, das Instrument der Bodenindexpunkte auszuprobieren. Bei den Pilotprojekten der Gemeinden geht es darum, mit dem Einbezug der Bodenqualität in planerische Entscheide Erfahrungen zu sammeln. Die Berücksichtigung von Bodenindexpunkten soll zeigen, ob und wie sich Qualitätsüberlegungen auf die Planung auswirken. sanu durabilitas will die gewonnenen Erkenntnisse dann aufarbeiten und auch anderen Gemeinden zur Verfügung stellen.

Wie kann der Boden in Zukunft genügend politische Aufmerksamkeit erhalten?
Es fehlt nicht an Nachrichten, die den Boden betreffen. Wir lesen fast täglich über Pestizide oder Antibiotika im Grundwasser, Schwermetalle in Gemüsen, Erdrutsche als Folge der Erosion, Verlust von Biodiversität usw. Nur die Verbindung zum ständigen Bodenverbrauch, zur Intensivierung seiner wirtschaftlichen Nutzung wird dabei nicht hergestellt. Bodenindexpunkte und die dafür nötigen Erhebungen würden auch die Kosten unserer ständigen Bodenbeanspruchung sichtbar und natürlich auch diskutierbar machen. Diese würden unserer demokratischen Gesellschaft helfen, rationaler mit dem Boden, unserer Lebensgrundlage, umzugehen. Schützen kann man nur, was man kennt. Der Boden hat Schutz dringend nötig.

Vielen Dank, Josef Estermann, für dieses Interview und Ihr Engagement!

Zur Person: Josef Estermann ist Mitglied des Stiftungsrats von sanu durabilitas, der Schweizerischen Stiftung für Nachhaltige Entwicklung, und Dozent für Urbanistik. Er beschäftigt sich seit langem mit Fragen der Raumplanung und des Bodenschutzes. Von 1990 bis 2002 war Josef Estermann Stadtpräsident von Zürich. Davor hatte er als Planungs- und Baujurist in den Kantonen Luzern und Zürich gearbeitet.