Interview mit Jacky Gillmann

«Wir müssen vorausdenken punkto möglicher zukünftiger Bedürfnisse.»

Jacky Gillmann, Sie engagieren sich neu im Stiftungsrat von sanu durabilitas. Was möchten Sie zusammen mit der Stiftung bewirken?

 

Ich möchte, dass wir vorwärts kommen in den Themen, mit denen sich sanu durabilitas bereits beschäftigt, zum Beispiel im Thema Kreislaufwirtschaft. Hiermit beschäftigen wir uns bei Losinger Marazzi ja schon seit vielen Jahren. Ich bin im Stiftungsrat, um meine Erfahrung und Ideen einzubringen, auch aus dem Blickwinkel der Wirtschaft. Wir können wir erforschen, was machbar ist, was nicht und wo wir uns einsetzen sollten.

 

Sie haben während vielen Jahren erfolgreich einen Baukonzern geleitet und beeinflussen noch immer als Verwaltungsrat die Entwicklungen. Worin sehen Sie die dringendsten Herausforderungen, um Bauten, Quartiere und das Wohnen an sich nachhaltiger zu machen?

 

Einerseits generieren wir immer noch viel zu viele Abfälle auf den Baustellen. Andererseits müssen wir die bestehenden Gebäude noch besser nutzen. Für beides müssen wir Gebäude besser konzipieren. Mittel- oder langfristig wird Standardisierung ein grosses Thema werden. Dies gibt es fast nicht in der Baubranche. Auch das Thema Modularität wird auf uns zukommen. Ohne Modularisierung werden wir die grösste Mühe haben, irgendetwas wieder zu verwenden. Die Herausforderungen der Nachhaltigkeit sind ja bekannt und sie sind absehbar. Nun haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder warten wir ab, dass Gesetze und Reglemente usw. erlassen werden. Oder wir reagieren proaktiv, mit der Bereitschaft etwas zu investieren um einen Vorsprung zu haben. Wenn dann ein Problem oder eine regulatorische Anforderung mal da ist, dann können wir sagen: Wir haben bereits Lösungen hierzu, und diese funktionieren.

 

Die Vermeidung und Wiederverwendung von Abfällen oder Restmaterialen sind wichtige Anliegen für die Kreislaufwirtschaft. Wie lässt sich dies in Zukunft besser umsetzen?

 

In der Baubranche haben wir ja sehr lange Zyklen. Was wir heute bauen, steht noch in 50 Jahren, vielleicht auch noch in 100 Jahren. Die Entscheide und die Revidierung im Rahmen einer Entwicklung brauchen auch etwa 10 Jahre. Wenn ich mich heute für etwas einsetze, so kann ich die Wirkung dieser Innovation möglicherweise erst in zehn oder zwanzig Jahren feststellen. Es ist nicht einfach, hiermit umzugehen. Früher wurde iterativ, sequenziell, also nacheinander, gearbeitet. Es wurde geplant, ausgeführt, und die Probleme wurden dann auf der Baustelle korrigiert – mit dem Presslufthammer. Da geht viel kaputt, es gibt viel Abfall. Heute arbeiten dank Building Information Modeling (BIM) alle Beteiligten gleichzeitig, kollaborativ, alle sitzen am gleichen Tisch und arbeiten am gleichen Modell. Das bedeutet, dass vieles antizipiert werden kann, dass es auf der Baustelle viel weniger Probleme gibt. Es muss kaum etwas nachgebessert werden. Ich bin überzeugt, dass BIM uns ermöglicht in Zukunft besser zu planen.

 

Was ist der Handlungsspielraum von Unternehmen der Baubranche?

 

Viele meinen, Nachhaltigkeit bedeute, dass es teurer wird. Natürlich braucht es Einsatz und Vorinvestitionen. Wir haben jedoch Projekte realisiert, bei denen sich die Nachhaltigkeit bezahlt gemacht hat, etwa bei Gebäuden oder Quartieren, die den Anforderungen der 2000-Watt-Gesellschaft entsprechen. In Zürich war dies Pflicht, ja, aber wir haben diese Herausforderung gerne angenommen. Wir mussten hierzu die Bauherren und Investoren überzeugen und haben gute Erfahrungen gemacht. Inzwischen konnten wir dieses Modell auch in Basel, in Lenzburg und in Les Vernets durchsetzen. Auch das erste Ecoquartier in Eikenott haben wir realisiert. Das war freiwillig, wir wollten dabei einfach nur weiterkommen und etwas machen, das Sinn macht. Wir hatten zu Beginn Schwierigkeiten die Verantwortlichen zu überzeugen. Das ist nicht so einfach, denn wir haben es mit Biodiversität auf dem Gelände, Photovoltaik und erneuerbaren Energien etc. zu tun. Doch die Anstrengungen scheinen nicht vergebens: Wir hätten das Quartier zwei- oder dreimal verkaufen können. Meine Haltung ist: Wir kennen ja die Herausforderungen der Zukunft, weshalb also abwarten?

 

In welcher Phase können Bauherren, Planer, Architekten und Subunternehmer auf den Ressourcenverbrauch durch einen Bau am besten Einfluss nehmen?

 

Wir müssen in der Planungsphase mehr investieren. Als Beispiel: Ich werde immer nervös, wenn eine Nasszelle mit 1.90 Meter Tiefe geplant ist und die Bodenplatten 30 x 30 cm sind. Das geht nicht auf, das ist ein totaler Blödsinn. Aber niemand reagiert! Dann gibt es Abfälle, aber niemand reagiert. Wir versuchen solche Sachen einzubeziehen. Es muss alles kohärent sein. Die Planungsphase ist also sehr wichtig. Dieser Satz stammt nicht von mir, passt aber bestens: Jeder Abfall auf der Baustelle ist ein Planungsfehler.

 

Was meinen Sie mit Synergien zwischen Gebäuden schaffen?

 

Ich behaupte, wir müssen in Zukunft pro Kopf viel weniger bauen. Wir müssen die Gebäude einfach besser nutzen. Auf Quartierebene sollten wir einen guten Nutzungsmix zwischen Wohnen und Arbeiten sicherstellen. Ich bin überzeugt, dass das sinnvoll ist. Auf unserem Areal im Wankdorf ist dies ein Manko: Wir haben hier ausschliesslich Bürogebäude - mit Einstellhallen im Untergeschoss. Dies führt dazu, dass die Einstellhallen die ganze Nacht leer stehen. Hätten wir hier ein Mehrfamilienhaus dazwischen, hätte man Parkplätze viel besser nutzen bzw. anderswo gar nicht bauen müssen. Dies ist ein Beispiel für Synergien zwischen Gebäuden – ein Thema das in Zukunft wichtig sein wird und dazu beiträgt, Ressourcen zu schonen.

 

Dann geht es in Zukunft also mit weniger bauen?

 

Ja, klar. Das ist für mich der wichtigste Schritt – noch vor Reuse und Recycling. Wir müssen einfach die Gebäude besser nutzen. Einerseits gibt es im Innern von Bürogebäuden oft grosse Flächen, die ganz schlecht genutzt werden können. Andererseits ist die Belegschaft, für die ein Gebäude ausgelegt ist, fast nie vollständig anwesend. Dies wird noch verstärkt durch Homeworking, Coworking etc. Um das Raumangebot besser zu nutzen, gibt es jetzt Geschäftsmodelle bzw. Geschäftspartner, welche Lösungen finden, um die freien Flächen in zu gross konzipierten oder nicht optimal genutzten Hauptsitzen flexibel untervermieten zu können.

 

Was bedeutet Modularität bzw. Modularisierung?

 

An diesem Wort werden die Architekten keine Freude haben. Wir bauen im Moment in Singapur ein Haus ausschliesslich aus Modulen, die untereinander verbunden werden. Es muss in Zukunft in diese Richtung gehen. Kleinere Bauten müssen flexibler werden, so dass ein Modul hinzugefügt werden kann, wenn man mehr Fläche braucht. Oder dass ein Gebäude rückgebaut und die Module anderswo wiedereingesetzt werden können. Was man heute braucht, braucht man morgen vielleicht nicht mehr. Auch Flexibilität wird ein wichtiges Thema für Bauten der Zukunft sein. Wir müssen vorausdenken punkto möglicher zukünftiger Bedürfnisse. In Frankreich haben wir das erste Bürogebäude verkauft, das ohne grosse strukturelle Änderungen zu einem Mehrfamilienhaus, zu Wohnungen, umgenutzt werden kann. Das bedeutet, dass das Gebäude etwas weniger tief geplant werden kann, es braucht Balkone, welche in der Bürophase nicht dienlich sind, dafür in der zweiten Lebensphase. Auch die Treppenhäuser sind etwas anders. Dies alles muss bereits in der Planungsphase einfliessen.

 

 

Wie funktioniert die Wiederverwendung von Bauteilen in der Praxis?

 

Es wachsen zurzeit Bauteil-Börsen und Recyclingfirmen in der Romandie und in der Deutschschweiz, etwa Salza, mit denen wir zusammenarbeiten. Das ist auch gut, aber wir sprechen immer noch von Abbruch. Das sollte inzwischen überall Rückbau heissen, und Rückbau kann und muss man organisieren. Die Bauteile und Bauelemente müssen sorgfältig herausgenommen werden, damit wir eine Chance haben, diese wiederzuverwenden. Im Moment geht das Bauteil-Reuse nur für kleinere Bauprojekte. Wenn Sie für ein grosses Bauvorhaben 150 Fenster suchen, die schon gebraucht sind, so ist das schwierig. Aber im Kleinen mit einfachen Sachen wie der Wiederverwendung von Bauteilen zu starten ist wichtig. Bei Losinger Marazzi sind wir führend im Recycling von Beton. Wir machen aber auch Erfahrungen mit anderem Baumaterial, indem wir mit Lieferanten zusammenarbeiten. Etwa mit Knauf für die Gipsplatten, mit Isover für die ganzen Isolationsprodukte. Diese haben auch ein Interesse Material zurückzunehmen.

 

Ist die Wiederverwendung ökologisch sinnvoll und wirtschaftlich interessant? Oder gibt es Fälle in denen eine Wiederverwendung von Bauelementen und Baumaterial keinen Sinn macht?

 

Wirtschaftlich muss es ganz klar aufgehen. Die Qualität des Materials muss stimmen. Auch die Garantien müssen stimmen, das ist ganz wichtig: Welche Garantie kann ich als Lieferant oder Eigentümer geben, wenn ein Material schon gebraucht wurde? Und dann muss man sicher auch eine CO2-Bilanz machen: Macht das Sinn, dass ich das Material über 100 Kilometer von A nach B zu mir auf die Baustelle hole?

 

Was kann die öffentliche Hand zu Nachhaltigkeit und Innovation im Bereich Bauen und Wohnen beitragen?

Die öffentliche Hand hat eine wichtige Rolle. Sie muss und kann ja Innovation fördern. Sie sollte den privaten Firmen Vertrauen schenken, die innovativ agieren wollen. Es sind nicht unbedingt die Behörden, welche innovative Entwicklungen vorbereiten. Neue Partnerschaften der öffentlichen Hand mit Unternehmen sind nötig. Die öffentliche Hand kann für ein Bauvorhaben Ziele setzen – nur Ziele – und sagen: Kommen Sie mit Lösungen, kommen Sie mit einem Angebot. So wird man in Zukunft auch mehr Intelligenz in den Baufirmen haben.

 

Der Wandel von linearen Geschäftsmodellen zur Kreislaufwirtschaft ist eines der Schwerpunktthemen von sanu durabilitas. Wie kann unsere Stiftung sanu durabilitas am wirkungsvollsten dazu beitragen?

 

Die Stiftung kann mit der Forschung zusammenarbeiten, Ideen entwickeln und deren Machbarkeit überprüfen. Die Stiftung muss dabei offenbleiben und schauen, was zu diesen Themen in der grossen weiten Welt geschieht. Ich glaube, es bewegt sich in vielen Ländern schon etwas; zumindest da, wo sich Menschen Ziele gesetzt haben um vorwärts zu kommen. Mir wäre es auch wichtig, in der gesamten Bevölkerung ein Bewusstsein zu entwickeln. Über eine gute Kommunikation, indem man über Sachen spricht, die man macht oder die umgesetzt werden müssen. Mir sind auch Leuchtturmprojekte wichtig.

 

Warum gerade Leuchtturmprojekte?

 

Wir haben ein ambitioniertes Projekt in Angriff genommen: Ein Plusenergie-Quartier mit reinen Wohnungen. Dieses herausfordernde Ziel haben wir uns zusammen mit dem Kanton Bern gesetzt. Dabei haben wir zurzeit noch nicht für alles eine Lösung, aber wir sind daran, wir müssen gute Modelle finden. Dies ist alles sehr motivierend! Ich bin ein grosser Fan von Leuchtturmprojekten, weil diese bei den Firmen etwas bewegen. Bei diesen Projekten werden die besten Mittel und die besten Leute eingesetzt. Von diesen Projekten wird gesprochen. Auf dieser Basis kann man gut kommunizieren.

 

Sie möchten andere Unternehmen motivieren?

 

Ja, das hat sich sanu durabilitas auch im LACE Projekt (Laboratory for Applied Circular Economy) vorgenommen: ein Zusammenkommen von Forschung und Firmen, um zu testen, was machbar ist. Das ist ein gutes Vorgehen.

 

Vielen Dank, Herr Gillmann, für das Interview und für Ihr Engagement!

 

Interview: Susan Glättli, 25.02.2019